„Unsere Hochschulen – fit für die Zukunft?“ Prof. Dr. Margret Wintermantel. Prof. Dr. Hans Heinrich Driftmann. Dialog zwischen der Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Prof. Dr. Margret Wintermantel, und Prof. Dr. Hans Heinrich Driftmann, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Die Reform des deutschen Bildungssystems zeigt leichte Fortschritte. Das belegt der vorliegende Innovationsindikator Deutschland 2009. Trotzdem ist Deutschland noch weit von der Spitze entfernt. Wie lässt sich das ändern? Wintermantel: In erster Linie ist eine solide Grundfinanzierung unserer Hochschulen notwendig, die unseren jungen Menschen eine bessere Bildung und Ausbildung ermöglicht. Wir brauchen mehr und sehr gute Lehrende. Sie sind es, die für den Arbeitsmarkt der Zukunft ausbilden, aber auch die individuellen Entwicklungschancen der Studierenden befördern. Dabei dürfen wir nicht vom Humboldt-Prinzip abkommen. Die Studierenden müssen an modernen Forschungserkenntnissen orientiert ausgebildet und an der Forschung beteiligt werden. Driftmann: Ich gebe Frau Wintermantel in diesem Punkt Recht. Die Lehre an den Universitäten muss einen höheren Stellenwert bekommen, wir können nicht einseitig den Schwerpunkt auf die Forschung setzen. Forschung ist wichtig, Forschung ist die Grundlage – aber wir brauchen auch motivierte Lehrende, die unter anderem in der Lage sind, den Wissenstransfer in die betriebliche Praxis stärker zu befördern. Wie steht es um die Kooperation zwischen Universität und außeruniversitären Forschungseinrichtungen, etwa in der Industrie? Wintermantel: Kooperationen zwischen Universitäten, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Industrie müssen noch besser ausgebaut und gesteuert werden. Zwei relativ neue komplementäre Instrumente sind besonders hilfreich. Die Exzellenzinitiative beginnt bei der Grundlagenforschung der Universitäten und integriert die außeruniversitären Forschungseinrichtungen und ausdrücklich auch Unternehmen. Die Spitzencluster setzen bei der Förderung von Marktchancen der Unternehmen durch Zusammenarbeit mit Hochschulen an. Durch die Bündelung der Kompetenzen werden Kooperationen dieser Art zu guten Ergebnissen führen. Driftmann: Es muss hier ohne Zweifel mehr gemacht werden. Die USA sind nicht in jedem Fall Vorbild für uns, aber wir können ja an den sogenannten Eliteuniversitäten, wie zum Beispiel in Stanford, genau sehen, wie die Zusammenarbeit zwischen Hochschule und Wirtschaft funktionieren kann. Hier muss Deutschland seinen eigenen Weg finden. Wichtig ist aber, dass wir die Studierenden näher an die Wirtschaft heranführen. Praxisnahe Projekte können hierzu einen guten Beitrag leisten. Auch sollte die Möglichkeit, ein Praktikum zu absolvieren, in die Studiengänge integriert werden. Welche Rolle spielt die Politik auf diesem Feld? Wintermantel: Wir müssen uns dem scharfen Wettbewerb mit anderen Nationen stellen. Wir sehen, dass man besonders in den USA, China, Südkorea, Indien und Brasilien dabei ist, viel stärker in Wissenschaft und Forschung zu investieren. Trotz positiver Ansätze hinken wir in dieser Hinsicht hinterher. Driftmann: Die Politik hat den sogenannten Bologna-Prozess unterstützt. Die Zuständigkeit der Bundesregierung ist dabei sehr begrenzt und die Länder haben unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt. Grundsätzlich ist der Bologna-Prozess zu befürworten, wir streben natürlich eine stärkere Internationalisierung und Vergleichbarkeit der Studiengänge und Abschlüsse an; die Beschäftigungsfähigkeit der Absolventen muss allerdings erhöht werden. Viele Unternehmen beklagen, dass das theoretische Wissen der Hochschulabgänger zwar äußerst umfänglich ist, es aber bei der Fähigkeit mangelt, das Erlernte in die Praxis umzusetzen. Den Studierenden muss mehr Wissen um die reale Arbeitswelt und nicht zuletzt um die Funktionsweise der Wirtschaft vermittelt werden, um den Übergang in den Arbeitsmarkt zu erleichtern. Frau Professor Wintermantel, Sie haben bei Ihrer Wiederwahl zur HRKPräsidentin gesagt, dass die Hochschulen in einer Phase des Umbruchs steckten, Bildung und Forschung könnten aber Entscheidendes zu einer positiven Weiterentwicklung der Gesellschaft beitragen. Wie sieht dieses Angebot aus und wie müssen die Rahmenbedingungen dafür geschaffen sein? 58 BDI † Deutsche Telekom Stiftung † Innovationsindikator 2009